Die Anzeige „Glatteisgefahr“ leuchtet auf, während ich in Richtung Süden fahre und vor dem gerade eingetroffenen Winter fliehe. Es wird Zeit, wieder ein paar gute Trails unter die Reifen zu nehmen, also geht’s ab nach Finale Ligure.
Nachdem ich heute früh noch im Kraftraum stand, heisst es jetzt, vor dem weiteren Schneefall durch den San Bernardino Tunnel auf der Südseite zu sein. Während sich die Strasse mit Tunnel und Brücken durch die frisch verschneite Viamala- und Rofflaschlucht schlängelt, geht mir so einiges durch den Kopf. Denn genau heute vor fünf Monaten wurde mein Knie operiert. Gestern vor sechs Monaten bin ich noch mit gerissenem Kreuzband ins Ziel gefahren und meine Saison war abrupt beendet.
Ich fahre am Schild „Splügenpass – Wintersperre“ vorbei. Damals hätten mir bei diesem Anblick wohl die Tränen in den Augen gestanden und ich hätte überlegt, wie lange es wohl dauern würde, bis ich wieder mit dem Velo über den Pass fahren kann. Jetzt weiss ich: Es ist nur der Schnee, der mich noch ausbremst. Denn in der Zwischenzeit ist einiges passiert und ich sitze nun schon länger wieder auf dem Bike. Es brauchte zwar einiges an Geduld, bis ich endlich die Beweglichkeit für die Pedalumdrehung schaffte und das Knie ausserdem nicht jedes Mal anschwoll. Das Ganze zuerst vor der OP und nach der OP erneut – sprich zweimal bei «null» angefangen.
Danach ging es aber aufwärts, nicht nur mit meiner Laune, sondern auch auf dem Bike. Ich genoss die vielen Grundlageneinheiten auf dem Velo, noch mehr als sonst. Gleichzeitig arbeitete ich konsequent an Kraft, Beweglichkeit und Stabilität speziell am operierten Bein. Natürlich verläuft das Ganze nicht linear, aber es motivierte mich stehts, den Fortschritt zu sehen.
Mitte Januar ging es für 10 Tage ins Trainingslager nach Calpe. Wieder zurück, setzte ich mich auch wieder vermehrt aufs Bike, um mich etwas mehr ans Gelände zu gewöhnen, mit dem Ziel in ein paar Wochen für ein paar Tage nach Finale Ligure zu reisen. Natürlich hatte ich schon vorher mal den einen oder anderen einfachen Trail ausprobiert und schnell gemerkt, dass sich die Operation am Knie gelohnt hatte, denn es war definitiv wieder stabil. Ausserdem bin ich überzeugt, dass es für mich der richtige Weg war.
Inzwischen bin ich schon auf der Südseite des San Bernardino Tunnels angekommen. Es wird wärmer und ich kann bereits die Sonnenbrille aufsetzen.
„Wie es wohl in Spanien ist? „, frage ich mich. Denn dort findet in 3 Tagen bereits der erste Weltcup statt, jedoch ohne mich, aber das ist gut so. Ich habe weder den Weltcup noch die frühen Etappenrennen eingeplant, weil ich mir bewusst Zeit für einen soliden Aufbau geben möchte. Natürlich reizt es mich, wenn ich sehe, dass viele ihre Saison bereits jetzt in Spanien oder Südafrika eröffnen. Aber ich freue mich umso mehr, wenn es dann auch für mich losgeht.
Nun ist auch die italienische Autobahn mit all den vielen Baustellen geschafft und ich komme in Finale Ligure an. In der Unterkunft werde ich, wie immer, freundlich empfangen.
Es reicht noch für eine rund 3-stündige Runde mit ein paar kurzen Trails zum Aufwärmen.
Die Tage danach verbringe ich einige Stunden im Sattel und genoss das Gefühl wieder auf den Trails zu sein. Es ist trocken, aber auch mal rutschig und nass, es holpert und rüttelt, alles, was dazu gehört eben.
Die Tage vergehen wie im Flug und es ist schon Montagmorgen. Mein Wecker klingelt, heute etwas früher, sodass es noch für eine kurze Runde reicht, bevor es nach Hause geht. Ich starte noch mit Licht, aber schon bevor ich auf dem ersten Trail bin wird es hell. Und es lohnt sich definitiv, denn nach 3 guten Trails und knapp 2.5h Fahrzeit bin ich wieder zurück. Nach der 5-stündigen Heimfahrt bin ich pünktlich um 16:00 Uhr in der Physiotherapie. Auch das ist mir im Moment noch so wichtig, dass ich sie nicht absagen wollte. Der Physiotherapeut schaut mich an und fragt: „Und, wie wars?“ – ein breites Grinsen meinerseits genügt und er weiss Bescheid!
